
Zusammenfassung
[Von ftd.de, 22:23, 17.05.04]
Während deutsche Software-Experten um ihren Job fürchten, rüsten Osteuropas IT-Dienstleister auf. Die Mitarbeiter des lettischen Unternehmens Dati bieten Leistungen auf Westniveau zum günstigen Preis - und zählen daheim bereits zur Elite.
Gundars Andzans stört es nicht, dass draußen der schmutzig-braune Putz von der Fassade bröckelt. "Das machen wir noch - wenn genug Geld da ist", sagt der Manager des lettischen Softwarehauses Dati. Viel wichtiger ist, dass die Daten aus Riga über die Standleitung nach Darmstadt störungsfrei zu den deutschen Kunden fließen.
Mit rund 100 Programmierern sitzt Andzans, der bei Dati für das Deutschland-Geschäft verantwortlich ist, in dem ehemaligen Heim für schwer erziehbare Jugendliche. In der Nachbarschaft stehen Plattenbauten aus der Breschnew-Ära und Holzvillen, von denen die letzten Farbreste blättern. Rigas Altstadt ist einige Autominuten entfernt.
Die Hälfte des Umsatzes kommt aus Deutschland
Innen ist der Gründerzeitbau bereits komplett saniert. Neue, mit Holzimitat beschichtete Schreibtische in den Büros, moderne lettische Kunst an den Wänden im Flur. In den ehemaligen Schlafsälen des Jugendheims schreiben die Dati-Mitarbeiter Programme für Kunden in Deutschland. Namen wie die Hamburg-Mannheimer, LTU, Mobilcom oder die Software AG stehen auf der Referenzliste. 15 Mio. Euro hat das Unternehmen mit insgesamt 400 Angestellten im vergangenen Geschäftsjahr umgesetzt - gut die Hälfte davon in der Bundesrepublik.
Für rund 10 Mrd. Euro kauften deutsche Unternehmen im vergangenen Jahr Leistungen aus der Informationstechnologie (IT) ein. Nach Schätzungen von Deutsche Bank Research werden diese Ausgaben bis 2008 auf 17 Mrd. Euro ansteigen. Immer mehr deutsche Firmen werden IT-Dienstleistungen aus Niedriglohnländern beziehen. 50.000 Stellen wären dann hier zu Lande in Gefahr, prognostizieren die Bankvolkswirte - rund 3,5 Prozent der IT-Arbeitsplätze.
Diese Jobs erledigen künftig vermutlich Menschen wie Andzans und seine Mitarbeiter. Die Hightech-Arbeiter aus dem Osten holen gegenüber der heimischen Konkurrenz rasant auf und sichern ihren persönlichen Aufstieg. Die bei Dati beschäftigten IT-Experten gehören schon jetzt zu den bestbezahlten Angestellten in Lettland. Vergleichbar gut wird nur noch in Banken oder Versicherungen verdient. "Ein erfahrener Systemanalytiker bekommt bei uns etwa 1200 Lats netto im Monat, das sind rund 1800 Euro", sagt Andzans. Viel Geld gemessen am Gehalt eines Grundschullehrers oder eines Krankenhausarztes, die weniger als 500 Euro zur Verfügung haben.
Rigas aufstrebender Mittelstand
Ilona Valdate gehört zu denen, die es geschafft haben. Die Projektleiterin bei Dati ist dort angekommen, wo Rigas aufstrebender Mittelstand seine Träume auf das Land einer ehemaligen Kolchose im Süden der Stadt setzt. Pastellfarbene Eigenheime mit deutschen Edel-Geländewagen in der Einfahrt stehen neben unverputzten Rohbauten, davor die Fahrräder der Kinder, die mit ihren Eltern schon eingezogen sind.
Valdates Traum ist gelb geklinkert. 350 Quadratmeter Wohnfläche mit Doppelgarage und großem Garten - umgerechnet gut 100.000 Euro haben sie und ihr ebenfalls bei Dati beschäftigter Ehemann dafür bezahlt. Die Geländer an den Balkons fehlen noch, drinnen nackter Estrich und Rigipsplatten. Die Handwerker sind fertig, jetzt kümmert sich ihr Mann um den Innenausbau. "Er ist ein Perfektionist", sagt sie lachend, während sie in der provisorisch eingerichteten Küche im ersten Stock den Kaffee vorbereitet. "Das wird noch dauern."
Seit 1992 ist die heute 46-Jährige im Unternehmen. Einige Kollegen vom Planungsinstitut der Universität in Riga hatten das Softwarehaus gegründet. Ilona Valdate war als Programmiererin bei einem wissenschaftlichen Institut beschäftigt. "Von dem Gehalt, das ich dort bekam, konnte ich nicht leben." Die Preise stiegen viel schneller als die Einkommen im Staatsdienst, erinnert sich die Mutter dreier Kinder. Die Familie teilte ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit der Schwägerin und den Schwiegereltern. "Bei Dati habe ich auf einen Schlag das Zehnfache verdient." Statt Computerprogrammen zur Berechnung des optimalen Düngemitteleinsatzes in der sozialistischen Landwirtschaft musste sie die Software für das Flugreservierungssystem einer Charterlinie oder das Qualitätskontrollsystem eines Medizintechnikherstellers entwickeln.
Spannungen in Deutschland spürbar
Valdate ist viel herumgekommen, um die Projekte vor Ort anzuschieben. Riga zu verlassen und mit einer Greencard ganz nach Deutschland zu ziehen - das hat sie nie gereizt. Denn nicht immer werden die lettischen IT-Experten dort freundlich empfangen: "Man spürt Spannungen, manche glauben: Jetzt kommen die billigen Jakobs - und wir fliegen raus", erzählt Ilona Valdate. "Natürlich würde ich in Deutschland besser bezahlt. Aber ich müsste auch mehr für meinen Lebensunterhalt ausgeben", sagt sie. "Und ich wäre ein unerwünschter Gast."
Die Lettin hat auch daheim von Jahr zu Jahr besser verdient. "Die Gehälter unserer Beschäftigten steigen um fünf bis sieben Prozent pro Jahr", sagt Manager Andzans. Trotzdem kann Dati im Wettbewerb mit Anbietern aus dem alten Europa noch gut mithalten - nicht zuletzt, weil Sozialabgaben, Steuern, aber auch Büromieten in Riga deutlich niedriger liegen als im Westen.
Ein Kostenvorteil, der an die Kunden weitergegeben wird: "Wir zahlen als Tagessatz für die lettischen Experten etwa ein Drittel dessen, was wir in Deutschland kalkulieren müssen - rund 220 bis 290 Euro", sagt Franz Höfer, Entwicklungsleiter bei der Darmstädter Software AG. Seit zehn Jahren vergibt er Aufträge an lettische IT-Dienstleister. "Deren Ausbildungsstand ist sehr gut, absolut vergleichbar mit dem Niveau in Deutschland", sagt er. Dabei sei das Informatikstudium in Lettland mit drei statt vier Jahren kürzer, und die Studenten arbeiteten nebenbei. "Mir ist schleierhaft, wie die das auf die Reihe bringen", staunt der deutsche Manager.
Frühzeitige Einbindung des Nachwuchses
Sein Gegenüber aus Lettland hat da eine andere Perspektive: "Ein Student, der nicht nebenbei arbeitet, ist verdächtig", sagt Andzans. Dati bindet über die studentischen Aushilfen nicht nur die hochqualifizierten Mitarbeiter von morgen frühzeitig ein. Für ein Monatsnettosalär von umgerechnet 350 bis 750 Euro lassen sich die Nachwuchskräfte bald vollwertig einsetzen: "Bei unserem Kunden Axa waren die anfangs richtig geschockt über so eine junge Projektleiterin", erzählt Valdis Prodnieks, der bei Dati den Geschäftsbereich Finanzen und Versicherungen leitet. Olga Sinica sitzt neben ihm und lächelt schüchtern. Die 22-jährige Studentin leitet ein Team mit drei Programmierern, die für den Kölner Versicherer arbeiten. "Das Projekt läuft wie ein Uhrwerk", lobt Prodnieks die junge Kollegin.
Wie alle Vollzeitkräfte bei Dati arbeitet Sinica mindestens 40 Stunden pro Woche. Vier Wochen Urlaub gibt es im Jahr, einer Gewerkschaft beizutreten ist laut Arbeitsvertrag verboten. Um die Miete für eine eigene Wohnung zu zahlen, reicht das Geld nicht. Sinica lebt noch bei ihren Eltern. Dafür hat sie sich für umgerechnet 3000 Euro einen 13 Jahre alten Mazda geleistet. Den schaukelt sie abends mit kreischendem Keilriemen vom ungepflasterten Dati-Parkplatz zur Universität. Drei Abende pro Woche besucht sie Seminare, 2005 will die Wirtschaftsstudentin ihren Abschluss machen. Seit vergangenem Jahr studiert sie zusätzlich Informatik, samstags, an einer privaten Akademie.
Das Programmieren hat Sinica als Schülerin gelernt. Bei ihrem Kollegen Raivis Bukss standen Wirtschaft und Informatik ebenfalls früh auf dem Stundenplan: "In meiner Grundschule gab es einen russischen EWM-Rechner, in der siebten Klasse einen IBM 386. Wir mussten jeden Tag etwas mit dem Computer machen", erinnert sich der 21-Jährige. "Nachmittags habe ich Kurse besucht, um die Programmiersprache Pascal zu lernen."
Qualifizierung mit Hochdruck
Lettland treibt die Ausbildung des qualifizierten Nachwuchses mit Hochdruck voran: Allein in Riga werden an 15 Hochschulen IT-Experten ausgebildet. Insgesamt ist die Zahl der Studenten binnen zehn Jahren von 39.000 auf fast 200.000 angestiegen, davon absolviert mehr als die Hälfte ein Wirtschaftsstudium, rund ein Zehntel einen technischen oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengang.
Zudem können die lettischen IT-Dienstleister auf einer langjährigen Tradition aufbauen. "Wir hatten nach dem Zusammenbruch der UdSSR gute Leute hier", sagt Andzans. "Unser Kenntnisstand war perfekt: Riga war eines der Zentren zur Bearbeitung gestohlener Software aus dem Westen."
So wurden etwa auf nicht legalem Wege in den Ostblock geschaffte Programme der Software AG von Informatikern der staatlichen Institute passend für die Planwirtschaft gemacht. "Die haben unsere Sachen auseinander genommen und sie sehr genau verstanden", erzählt Software-AG-Entwicklungsleiter Höfer über seine heutigen Geschäftspartner.
Mit den Jahren in der Marktwirtschaft ist das Selbstbewusstsein der Letten gewachsen. Um in Deutschland zum Zuge zu kommen, mussten sie lernen, sich schnell auf neue Anforderungen einzustellen. "Unsere Stärken spielen wir jetzt kaltblütig aus", sagt Valdis Prodnieks. "Die Deutschen neigen dazu, sich in Details zu verlieren, statt das strategische Ziel im Auge zu behalten."
Gleiche Qualität zu moderateren Konditionen
"Es wäre nicht fair zu behaupten, dass wir besser sind als deutsche Softwarehäuser", sagt sein Kollege Andzans etwas diplomatischer. "Wir bieten die gleiche Qualität zu moderateren Konditionen." Mit seinen fließend Deutsch sprechenden Mitarbeitern will er neue Geschäftsfelder erschließen. So könnte Dati Rechenzentren für deutsche Firmen einrichten und etwa die Lohnbuchhaltung übernehmen: "Es macht nur einen kleinen Unterschied, ob unsere Kunden ihre Software im Osten entwickeln lassen oder ganze Prozesse verlagern."
Die Letten setzen auf ihre Nähe zu Deutschland, um sich gegen die globale Konkurrenz zu behaupten - IT-Dienstleister aus Asien und Osteuropa drängen auf den Markt. "Wenn ich im rein preislichen Wettbewerb mit Weißrussen stehe, passe ich sofort. Bei Tagessätzen unter 150 Euro können wir nicht mithalten", sagt Andzans. "Noch sind die meist schlecht organisiert und haben Probleme mit der Qualität. Aber sie holen auf."
Jung-Informatiker Raivis Bukss stellt sich schon auf härtere Zeiten ein. Neben der Arbeit hat er begonnen, Jura zu studieren: "Damit ich nicht arbeitslos werde, wenn die Inder uns die Programmiererjobs abnehmen."